Wanderexerzitien

Gute vier Tage (ohne die An- und Abreisetage) „geistliche Übungen“ (auf evangelisch: „Rüstzeit“) auf dem Pilgerweg durchs Leben. Unter kompetenter Leitung nehmen wir jeweils an einem Tag unsere persönlichen Beziehungen ins Visier: Ich – Du – Er, Sie, Es – Wir (weiter schaffen wir es nicht). Quartier beziehen wir in der altehrwürdigen [Benediktinerabtei Maria Laach] und steuern mit unserem Bulli jeden Tag einen anderen Ausgangspunkt in der Eifel an, von dem aus wir bei schönstem Wetter 8-16 km in der Runde wandern.

In Maria Laach scheint nach der äußerst effektiven Pionierarbeit zur Förderung des muttersprachlichen katholischen Gottesdienstes seit den 20-er Jahren bis zum Konzil in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts die Zeit stehen geblieben zu sein. Mit einer Ausnahme: Kelchkommunion für alle in allen Eucharistiefeiern. Die immer wieder angeführten, letztlich technisch-hygienischen Bedenken, die dies in den meisten kath. Gemeinden immer noch verhindern, existieren in der Abteikirche Maria Laach offenbar nicht.  Dennoch haben Vesper, Eucharistiefeier und Ausstattung der Abteikirche museale Patina angesetzt, so kommt es mir vor. Auch meine Weggefährten/innen wünschen sich mehr geistliche Dynamik, und so beten wir Laudes (Morgenlob) und Vesper (Abendlob) in freier Form unterwegs an einem Platz in Gottes schöner Natur und lassen abends den Tag gemeinsam in der kleinen Kapelle des Gästehauses ausklingen (Komplet). Vormittags bedenken wir einen geistlichen Impuls zu den persönlichen Fürwörtern „in der Grammatik des Glaubens“ und wandern eine Stunde schweigend. Für die Mittagspause stellen wir unser „Pilgerbufett“ aus einfachen, aber umso köstlicheren Mitbringseln aus unseren Rucksäcken zusammen. Nachmittags halten wir ein Bibelgespräch zum Tagesthema und tauschen unsere Erfahrungen aus. Entgegen ihrer Gewohnheit zaubert die Gästehausküche zum Abendessen für uns (und die anderen Gäste) eine warme Mahlzeit. So können wir, durchaus etwas erschöpft, aber gestärkt und glücklich den kurzen Abend (denn ausreichend Schlaf gehört unbedingt dazu!) gemeinsam noch in lockerer Runde verbringen.

1. Rund um den Laacher See: Ich. Gott redet so (zu Mose): Ich bin der Für-Euch-dasein-werdende (Ex./2. Mos. 3, 13-14 nach Martin Buber). Jesus redet so: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (und noch sechs weitere ἐγώ εἰμι-Worte im Johannesevangelium). Und ich darf vor dem Herrn ICH sein, so wie ich nunmal bin. Ich glaube. Ich darf Sein Freund sein. Ich will lieben.

2. Zum [Wasserfall Dreimühlen]: Du. Für mich weniger das berühmte [„Du“ von Martin Buber], sondern Jesus, der „Du“ zu mir sagt. Ich entdecke eine neue Perspektive: Ich werde von Ihm gesucht, angesprochen, er will bei mir wohnen (Offb. 3, 20) – und zwar nicht nur „in der guten Stube”. Unterwegs im Dorf Niederehe verweile ich in der [ehem. Augustinerinnenkirche St. Leodegar] und bete mit einer kleinen Gruppe alter Menschen ein kleines Stück des Rosenkranzes mit, in einer überraschend unkonventionellen Form: Wie zur Bekräftigung der Eindrücke von gestern spielt in den Gebetstexten wieder dieser Jesus als der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ eine Rolle. „Adam, wo bist DU?“ (Gen./1. Mos. 3, 9). Auf diesen Ruf darf und möchte ich antworten und will mich nicht verstecken.

3. [Bruder-Klaus-Feldkapelle] Wachendorf: Er, Sie, Es. Die veränderte Du-Perspektive von gestern lässt mich nicht in Ruhe. Zwischen dem fröhlichen Abteigeläut vieler Glocken in aller Herrgottsfrühe um 5:00 Uhr und der Frühstückszeit träume ich, dass ich beim Einkaufen große Mühe habe, das Geld aus meinem Portemonnaie herauszugeben. Was zum Vorschein kommt, sind die Groschen der Währung von früher. Zu guter Letzt ist dann doch noch ein aktuelles 50 ¢-Stück dabei. Die Verkäuferin kann nicht umhin mir zu sagen, dass ich sie zunächst in nicht geringe Verlegenheit gebracht hätte. Inzwischen hat sich hinter mir eine lange Warteschlange aufgereiht. Aber dann klappt alles ganz zügig. Die Botschaft für mich: „Sieh zu, dass Du die richtige Währung in Deiner Tasche hast! Wie Du weißt, hatten wir eine theologische und pastorale Wende, in der Art wie eine Währungsreform. Da kannst Du nicht mehr die alten Münzen rausgeben.“ Wie rede ich von Jesus? Welche Erfahrungen mit IHM kann ich erzählen? Welche Konsequenzen zieht die Kehrtwende (PP. Franziskus: „conversión“!) des Engagements in IHR, der Kirche, nach sich? Was habe ich mitzuteilen? Kann, möchte ich ES bezeugen? Ich muss nicht die großen Summen herausgeben. Unterwegs verlässt uns die Zuverlässigkeit der Wanderkarte (aus dem Internet, weil die Orte und die Bebauung im Ausdruck nicht angezeigt wurden) und wir müssen uns nach Sonnenstand und Bauchgefühl orientieren – auch ein Symbol für meine innere Befindlichkeit. Aber wir erreichen dennoch wieder den richtigen Weg über den Ortsteil Eschweiler nach Bad Münstereifel, wo liebe Menschen (3. Pers. Plural) uns als Überraschung Kaffee und Kuchen bereitet haben.

4. Drei-Maare-Tour nach Schalkenmehren: Wir. Heute, am letzten Tag unserer Wanderexerzitien, haben wir eine kürzere Strecke vor uns, die uns aber die meisten Höhenmeter (152 gleich auf die ersten 1,5 km) beschert. Entschädigt werden wir mit einer phänomenalen Aussicht vom Dauner Dronke-Turm (575 m) bis fast nach Italien (so steht es jedenfalls hoch droben auf dem Zielanzeiger…) und auf die drei Maare [Gemündener, Weinfelder und Schalkenmehrener Maar] mit ihren blaugrünen Kraterseen. Wir umrunden sie teils auf Uferwegen, teils am Kraterrand mit steilen Treppen. WIR sind nicht alleine unterwegs durchs Leben. Das erfahren WIR ja gerade in diesen Tagen. Zehn Individuen mit ihren je unterschiedlichen Lebensgeschichten, Tätigkeitsbereichen, Zukunftshoffnungen und Beziehungsnetzen (WIRs), aber dennoch eine Gemeinschaft (auf Zeit) im Zusammensein, Beten, Gottesdienst feiern, gehen – und auch dabei jede/r auf seine/ihre Weise. Alle (nicht nur die geistliche Leiterin und die Orga-Talentierten, also WIR) tragen etwas dazu bei, dass diese Tage gelingen. Danke allen, Dank sei Gott!

Fazit:
Der Zusammenklang von Gebets- und Gottesdienstzeiten, spirituellen Impulsen und dem gemeinsamen Gehen in Schweigen und im Austausch ist eine ganzheitliche Erfahrung. Die dezente, aber abends doch spürbare sportliche Herausforderung durch Längen- oder Höhenmeter steht symbolisch für unser „Wir schaffen das“ im Haupt-, Neben- und Ehrenamt. Die Wanderexerzitien waren anstrengend in vielerlei Hinsicht, aber auch ein Obdach-Suchen und -Finden für unsere „unbehausten Seelen“ (Dietrich Bonhoeffer). Wir konnten spirituell zur Ruhe und neu zu uns selbst und zu Gott finden. „Nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt“ (Joh. 15, 16 – unser Bibelgespräch am 3. Tag) und „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ [Ps. 73, 28/Jahreslosung 2014] machen mir deutlich: Nicht ich habe mich vor einem Jahr neu bekehrt, sondern Jesus hat sich schon längst zu mir hingekehrt. Nur meine Antwort ist bisher eher sparsam ausgefallen (Evangelii Gaudium Nr. 3).

Und noch eines nehme ich aus dieser Woche mit: Die Welt der pastoralen Dienste in „meinem“ Bistum ist nicht mehr meine Welt. Das allgegenwärtige „Klerikalsyndrom“, welcher Priester nun als was nach xy versetzt wurde und „wie er es denn so macht“ (habe ich keine Eitelkeiten?) ist nicht nur ein Zeitkiller, sondern lähmt echte Erneuerung aus dem Geist Gottes. Nicht so sehr mein altersgemäßes Ausscheiden aus dem Beruf setzt die Prioritäten anders, sondern mein freiwilliges pastorales Jahr in einer charismatischen Gemeinde eröffnet ganz neue und andere Beziehungen und Perspektiven. Der [Mülheimer Verband freikirchlich-evangelischer Gemeinden] hat aus der Talsohle seiner Existenz in den 80-er Jahren  herausgefunden und ist zu einer gemeindeaufbau- und gemeindewachstums-freudigen Gemeinschaft geworden. An vielen Orten schafft sie das, was katholische Gemeinden erst noch werden sollen: „ein Zentrum ständiger missionarischer Aussendung“ in unserer Gesellschaft zu sein (EG 28, zit. in: Gemeinsam Kirche sein S. 50)! Darüber möchte ich mehr erfahren. Als Volunteer bin ich an der Quelle.

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