Weite · Nähe · Tiefe

„WIR müssen die Kirche nicht retten“, lese ich während meiner [Wanderexerzitien] im [Wort der katholischen Bischofskonferenz zur „Erneuerung der Pastoral“] 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Es erscheint zeitgleich zum Ende eines [synodalen Dialogprozesses] über mehrere Jahre in der deutschen katholischen Kirche, der eine neue Zeit des kirchlichen Engagements in der Gesellschaft einläuten soll (S. 10f).

Bode-GKS
Diesen Blog widme ich Franz-Josef Bode zum 20-jährigen Jubiläum als Bischof von Osnabrück im Herbst 2015

Was mir sofort auffällt: In dem (ohne das Inhaltsverzeichnis) 51-seitigen Text kommt 57 Mal der Begriff „Charisma“ vor, in seinen verschiedenen grammatikalischen Formen. Charismen, die Gaben des Heiligen Geistes an alle Getauften zur Auferbauung der christlichen Gemeinde (Röm. 12, 1. Kor. 12). Rettung, Erneuerung, wirkt der Geist Gottes. Die Zukunft der Kirche, der Gemeinden, wird also im besten Sinne charismatisch sein (S. 19f). Der frühere Paderborner Dogmatiker und Spezialist für die Lehre über den Heiligen Geist, [Heribert Mühlen] (1927–2006), hat dies schon vor mehr als 30 Jahren angemahnt, ist aber mit seinem Konzept einer „charismatischen Gemeinde-Erneuerung“ mit Kursprogramm für ein „Katechumenat für schon Getaufte“ damals von den deutschen Bischöfen nicht richtig ernst genommen worden, im Gegensatz zu den österreichischen Kollegen. (Heute fahren deutsche Pastoralabteilungen nach Linz um nachzuholen, was sie versäumt haben.)

Es geht den Bischöfen um das WIR der vielfältigen Charismen bei den normalen Gemeindemitgliedern und den kirchenamtlich Beauftragten. Sakramentale Weihen fügen der Berufung aller Kirchenmitglieder zum gemeinsamen Priestertum durch Taufe und Firmung nichts hinzu (S. 35f). Amt ist vielmehr Dienst am WIR. Leib Christi sind WIR alle, und das Amt ist dem Leib Christi nachgeordnet (die Bischöfe sollen „hinter dem Volk hergehen“, EG 31). Die Postmoderne braucht nicht nur neue Gemeindeformen, sondern für die Gemeindekirchen auch neue Leitungsdienste und veränderte Dienstämter (S. 53). Seit Martin Luther und dem 2. Vatikanischen Konzil dürfte dies in der katholischen Kirche in dieser Deutlichkeit so noch nicht formuliert worden sein. Der [Abschlussbericht des synodalen Dialogprozesses] fällt dahinter in bedauerlicher Weise zurück, indem der sich auf die hinlänglich bekannten Anmerkungen zur Strukturkrise beschränkt und gar nicht erst zu ihrem Kern vordringt („Charisma“ taucht 7 Mal auf, davon 3 Mal in Anmerkungen bzw. Zitaten). Die missionarische Power von Evangelii Gaudium geht offenbar an vielen katholischen „Laien“ vorbei.

Wie allerdings die „Quadratur des Kreises“ einerseits durch den Fokus auf Priesteramt und Eucharistie/Abendmahl (S. 37) und andererseits wegen dessen Verschwindens in der westlichen Hemisphere hergestellt und gelebt werden soll, darauf geben die Bischöfe leider keine Antwort. Die „Mentalitätsänderung“ (S. 39) muss wohl noch viel tiefer greifen, als WIR alle uns das jetzt vorstellen können. Immerhin werden unsere Hausaufgaben am Schluss auf S. 55 als echter „Umkehrprozess“ charakterisiert. So nennt es ja auch PP. Franziskus in Evangelii Gaudium: „conversión“. Sie beinhaltet eine Abkehr vom Gestern und eine Hinkehr zum Morgen, eine Kehrtwende weg von Zeitgeistlichem hin zum Heiligen Geist. Der – bis zu seiner Wahl zum Papst – Beauftragte der argentinischen Bischofskonferenz für die charismatische Erneuerung wird sehr deutlich, wenn er sein eigenes Erleben beschreibt:

„Um den missionarischen Eifer lebendig zu halten, ist ein entschiedenes Vertrauen in den Heiligen Geist vonnöten, denn er »nimmt sich unserer Schwachheit an« (Röm 8,26). Aber dieses großherzige Vertrauen muss genährt werden, und dafür müssen wir den Heiligen Geist beständig anrufen. Er kann alles heilen, was uns im missionarischen Bemühen schwächt. Es ist wahr, dass dieses Vertrauen in den Unsichtbaren in uns ein gewisses Schwindelgefühl hervorrufen kann: Es ist wie ein Eintauchen in ein Meer, wo wir nicht wissen, was auf uns zu kommen wird. Ich selbst habe das viele Male erlebt. Es gibt aber keine größere Freiheit, als sich vom Heiligen Geist tragen zu lassen, darauf zu verzichten, alles berechnen und kontrollieren zu wollen, und zu erlauben, dass er uns erleuchtet, uns führt, uns Orientierung gibt und uns treibt, wohin er will. Er weiß gut, was zu jeder Zeit und in jedem Moment notwendig ist.“ (EG 280)

Großartig anders wird ein pfingstkirchlicher Pastor es auch nicht ausdrücken, wie sich das schwindelerregende „Eintauchen in ein Meer“ anfühlt, selbst im planvollen Deutschland nicht. Ich stelle mir Pfarrgemeinderat und Pastoralteam einer Gemeindekirche vor, die beschließen, entschieden und bewusst „sich vom Heiligen Geist tragen lassen“, die „darauf verzichten, alles berechnen und kontrollieren zu wollen“, die überhaupt erst nach dem Heiligen Geist fragen, ihn erbeten und dann „erlauben, dass er sie erleuchtet, sie führt, ihnen Orientierung gibt und sie dahin treibt, wohin er will.“ Jetzt sind wir normalen Gemeindemitglieder am Zug, aus den Verlautbarungen unserer Führungskräfte in Rom und Fulda Nägel mit Köpfen zu machen!

Strategievorschlag
Das kann auf folgende Weise geschehen:

1. Weite:
Die haben wir auf jeden Fall schon strukturell durch die großen pastoralen Einheiten und fusionierten Pfarreien – und deren Verwaltungshorizont wird noch viel größer werden. Die Eucharistiefeier an einem Sonntag wird etwas Seltenes und ganz Besonderes sein. Wortgottesfeiern werden zur Regel. Für jede Gemeindekirche müssen kompetente Gottesdienstleiter/innen, -helfer/innen und glaubwürdige Prediger/innen ausgebildet werden. – Bei Euch gibt es noch keine?

2. Nähe:
Gemeindekirchen können ihre Entwidmung und Entsorgung verhindern, indem sie beziehungsstark werden. Das bedeutet: Kleine, überschaubare Gemeinschaften bilden, die regelmäßig unter der Woche zusammenkommen. Die Freikirchen mit ihren Haus-, Gebets- und Bibelkreisen machen es uns vor. Besonders die Freien Evangelischen (FEG) haben [im Internet abrufbare], praktikable Modelle, mit denen solche neuen Gemeindetypen aufgebaut werden können. Die „kleinen christlichen Gemeinschaften“ in Südafrika und auf den Philippinen sind ja seit langem das katholische Pendant. Damit können Pfarreien sofort planvoll anfangen, nicht erst wenn die nächste Fusion ansteht. Hier geht es nicht nur um eine strukturelle „Conversión“, sondern um die Inhalte und vor allem die Menschen, die sich auf die Leitung durch den Heiligen Geist verlassen wollen. Konkret:

3. Tiefe:
Durch spirituelle Vertiefung. Glaubenskurse (Alphakurs, Leben-im-Geist-Seminar), Bibel-Teilen, Erwachsenenkatechese, Erneuerung der Tauf- und Firmspiritualität. Anstatt sich mit Verwaltungs- und Organisationstätigkeiten aufzuhalten, kann sich hier ein Pastoralteam mit seiner Kompetenz und Fähigkeit austoben. Vielversprechende Aufbrüche und Modelle – quer durch alle Konfessionen – gibt es mittlerweile mehr als genug, sie müssen nur aufgegriffen werden. Projektgruppen können Vieles gemeinsam leisten. Kein Priester muss einem Bauausschuss angehören, keine Gemeindereferentin den Beamer für den Lobpreisabend organisieren, bestücken und auch noch bedienen. Aber sogar die „eigentlichen Themen“ müssen pastorale Mitarbeiter/innen nicht unbedingt selbst bedienen. Auch dafür gibt es in der Nachbarschaft Charismatiker/innen, die ihre Fähigkeiten einbringen können (freshX., Kirche², Gemeinde³). Man kann sogar ein [komplettes Gemeindeerneuerungs-Programm] buchen.

Kritik:
„Kirche der Beteiligung“ (hauptverantwortliche Gemeindemitglieder in der Pfarreienleitung, [die es schon gibt]) als reine Strukturmaßnahme (womöglich nur als „Priesterersatz“) scheitert, wenn sie nicht auf einem klaren spirituellen Katechesekonzept für bereits Getaufte aufbaut. [Evangelii Gaudium] zeigt ein solches Evangelisierungsziel auf (Bekehrung). Gemeinden dürfen damit nicht alleine gelassen werden. Beziehungsstärke muss durch eine lebendige Beziehung zu Jesus gestützt werden. Der Glaubenskommunikation kommt in der Beratung von Gemeinden über Glaubenskurse eine Schlüsselstellung zu. Hier müssen Spezialisten ran, die bis hin zur Straßenevangelisation alle Verkündigungsmethoden gelernt haben. Die Zukunft von Glaube und Kirche hängt davon ab, ob die beiden Basistexte – Evangelii Gaudium und Gemeinsam Kirche sein – gelesen und verstanden werden. Hauptamtliche und Gremienmitglieder sollten sich dies unbedingt gönnen. Dann müssen die Taten folgen. Unterschrieben haben alle deutschen katholischen Bischöfe!

Wo das missionarische Ziel aller Gemeindereformen fehlt (es steht in EG 164), sind sämtliche Strukturmaßnahmen nur oberflächliche Kosmetik mit unzulänglicher Manpower. Laien als Gemeindeleiter werden nicht da sein, und falls doch, dann nur schlecht Geeignete (man lese die Anforderungsprofile in den Pastoralbriefen des Neuen Testaments). Strategischer Startpunkt einer charismatischen Erneuerung für Gemeindekirchen ist demnach Punkt 3 (Tiefe). Mit einem Glaubenskurs entstehen ganz neue Beziehungen, werden ungewohnte Charismen geweckt, entsteht das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit in überschaubaren Gruppen (Punkt 2 Nähe). Mit einem Dreijahreskonzept kann eine ganze (neue) Pfarrei sich völlig neu in ihrer Umgebung positionieren, und dann beantwortet sich die Frage „welche Leitungsstruktur“ von selbst (Punkt 1 Weite). Eine dann anstehende Fusion ist kein Drama mehr, und die bestehenden Gemeindekirchen sind voller Leben – und vielleicht ist sogar zusätzlich noch etwas ganz Neues, Unverhofftes (Roger Schutz) entstanden.

Zu idealistisch?
Die Freien Evangelischen Gemeinden haben seit 2005 ihre Vision, [in 10 Jahren 100 neue Gemeinden] zu gründen, mit 87 Projekten fast erfüllt. [In Osnabrück steht das 88. in den Startlöchern.] Der kleine [Mülheimer Verband]  konnte 2014 für seine bundesweit 4.487 Mitglieder 10 neue Pastoren/innen ordinieren (neben den in den 43 Gemeinden schon tätigen. Dazu kommen noch einige Zweitpastorenstellen, Diakone/innen und Gemeindereferenten, die übrigens alle von ihren Gemeinden direkt besoldet werden). Ein Personalschlüssel, von dem wir Katholischen oder Landeskirchler nur träumen können! In der anglikanischen (also „landeskirchlichen“) [Holy-Trinity-Church in London-Brompton], der Muttergemeinde der Alphakurse, feiern jeden Sonntag 7.000 Menschen Gottesdienste – in einer Vorstadtgemeinde! In der – übrigens von dem schweizer Katholiken Leo Bigger mitgegründeten – „International Christian Fellowship“ [ICF] sieht es ähnlich aus.

Mission is possible – so geht das! Noch mehr Beispiele über meine Netzwerkliste rechts.

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9 Gedanken zu “Weite · Nähe · Tiefe

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