evangelikal?

Wie ergeht es mir als katholischer Volunteer in einer evangelikalen Gemeinde? Ich versuche mal, meinen Standort zu beschreiben:

„Evangelikal“ ist keine Konfessionsbezeichnung. Den Begriff gar mit Fundamentalismus gleichzusetzen, ist ein Zerrbild, das es abzubauen gilt. Evangelikal sind Gemeinden (meist Freikirchen) und landeskirchl. Gemeinschaften, die in der [Evangelischen Allianz] miteinander kooperieren. Das liest sich in deren Selbstverständnis so:

„Wir wollen die geistliche Einheit aller, die von Herzen an Jesus Christus glauben, bewusst machen. Wir ermutigen und helfen zu gemeinsamem Gebet und zu gemeinsamen evangelistischen, seelsorgerlichen und diakonischen Aufgaben.“

„Von Herzen an Jesus glauben“ ist der Schlüsselbegriff. Er meint dabei weniger das vernunftgemäße Fürwahrhalten einer Idee (Ideologie), sondern die lebendige, persönliche und freundschaftliche Beziehung zu einer Person, Jesus Christus. In ihm wurde Gott selbst Mensch auf dieser Erde. Zu Gott dürfen wir wie ein Kind „Papa“ sagen (Gal. 4,6).

„Evangelistisch“ ist die Aktivität von Kirchen, Gemeinden und Einzelnen im Ausüben des allen gemeinsamen Priestertums zur Verkündigung der Guten Nachricht von Jesus, also: Missionarischer Glaubensdienst im jeweiligen Lebensumfeld (martyria), geschwisterlicher Dienst am Nächsten (diakonia) und mittendrin die Feier des Dienstes Gottes an uns (liturgia).

Das ist kein Privileg der evangelischen Kirche(n). In konsequenter Fortführung der Argumentation seiner Vorgänger schreibt PP. Franziskus im „Programm für die nächsten Jahre der Kirche“ (Evangelii Gaudium – EG) gleich zu Beginn in Nr. 3:

„Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm”…

Genau diese Sätze waren vor einem Jahr die Ursache für [meine eigene] Neubekehrung – und die Suche nach einer Gemeinde, in der das Programm von Evangelii Gaudium mit seinem Schwerpunkt Evangelisierung zum pastoralen Profil gehört. Weder im Dekanat noch im Kirchenkreis bin ich fündig geworden. Zwei Aspekte fallen hier auf:

1. „Noch heute…“, das bedeutet: Du kannst heute bis 24 Uhr ganz bewusst das Geschenk der Freundschaft mit Jesus annehmen und in eine persönliche Beziehung zu ihm treten. Schiebe es nicht allzu lange auf!

2. Begegnungen sind leibhaftig und keine rein gedankliche Kopfsache. Wenn Du einer Person begegnest, musst Du Deine Sinne gebrauchen. Kommunikation geschieht wesentlich über Sprache, ausgesprochen, hörbar. So ist es auch bei der Person Jesu. Selbstverständlich kannst Du Deine eigenen Worte gebrauchen. Du musst das nicht mit den Worten von PP. Franziskus machen. Am besten holst Du Dir jemanden dazu, der Dich vernehmbar im Gebet bei deinem Schritt auf Jesus zu und in Gottes Gegenwart hinein unterstützt, denn „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen,“ verspricht Jesus in Mt. 18, 19f.

Die persönliche Beziehung Gottes zu uns Menschen bewusst zu beantworten ist für PP. Franziskus der methodische Dreh- und Angelpunkt aller kirchlichen Aktivitäten, wenn er in EG 164 schreibt:

„Jesus Christus liebt Dich, er hat sein Leben hingegeben, um Dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an Deiner Seite, um Dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien.“ Diese Erstverkündigung (Kerygma) „muss die Mitte der Evangelisierungstätigkeit und jedes Bemühens um kirchliche Erneuerung bilden.“

Fazit:
Wir haben es hier mit einem lupenreinen evangelikalen Ansatz zu tun. Christen sind Menschen, die eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus eingegangen sind, die ihren Alltag mit seinem Wort gestalten, seine Gegenwart feiern und deren Glaube in der Liebe tätig wird. (Vgl. Gal. 5, 6) Das ist nichts wirklich Neues… Evangelischer Pietismus und katholische Mystik bis hin zur Spiritualität von Taizé oder der eines Henry Nouwen sind sich darin ziemlich einig.

Manch Erwachsener mag sich nicht (oder noch nicht?) trauen zu einer solch bewussten, sinnlich erfahrbaren Entscheidung. Zu vertrauen ist immer ein Risiko. Vertrauender Glaube fordert das Kind in uns heraus, das hoffentlich noch in jedem von uns steckt und das wir nicht verdrängt oder gar abgespalten haben. Wie anders könnten wir sonst ehrlich beten „Vater unser…“?

Zusammen mit Evangelikalen sind wir Katholiken also bis in die Führungsspitze hinein in guter Gesellschaft. So weisen denn auch die ethischen Konsequenzen und die gesellschaftlichen Werthaltungen, d. h. die Glaubenspraxis, so viele Schnittmengen auf, dass ich von geistlicher Einheit sprechen möchte.

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