neo-evangelikal

Noch eine neue Schublade? Nach „[evangelikal]“ nun auch noch „neo-“?

Pietisten und neuen geistlichen Bewegungen wird zuweilen vorgeworfen, zu sehr um das persönliche Seelenheil bemüht zu sein. „Schaut beim Loben nicht nur nach oben, schaut auch mal zur Seite, dann seht ihr die Pleite“. Ob dieser Slogan in seiner Flapsigkeit berechtigt ist, sei einmal dahingestellt. Aber er legt den Finger auf den Glaubwürdigkeitstest. Wie beim Kreuz gehören Vertikale und Horizontale zusammen. Auch in „Evangelii Gaudium“ spielen gesellschaftliche Verantwortung und christliche Soziallehre eine große Rolle. So sehr, dass die anderen Punkte leicht vergessen werden und nur die soziale und politische Seite der Evangelisierung gesehen wird. Das ist nicht weniger einseitig als die Kritik am Evangelikalen oder „Frommen“.

Konsequenz einer Glaubensentscheidung und der Verkündigung des Evangeliums müssen Nächstenliebe und das unbedingte Eintreten für die Menschenwürde sein. Glaubensdienst, Gottesdienst und geschwisterlicher Dienst sind die drei Säulen kirchlichen Handelns. Ziel ist nicht, das „Paradies auf Erden“ zu begründen, sondern den heilsamen Namen Gottes („Ich-bin-der-für-Euch-dasein-Werdende“) nicht nur auf den Lippen zu haben (1. Vaterunserbitte), sondern tatkräftig zu verbreiten. „Alles andere wird Euch dazugegeben werden“ (Mt. 6, 33), nämlich Gerechtigkeit und Frieden und damit Lebensqualität für alle. „Gott will, dass alle Menschen gerettet und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Tim. 2,4) – ein Grundthema der ganzen Bibel (vgl. Ps. 72).

Auch die Gnadengaben, Charismen, die der Geist Gottes jedem schenkt, haben eine Dienstfunktion, nämlich die Gemeinde aufzubauen. Die Früchte des Geistes sind nicht für den Speicher des Sämanns und seinen Privatgenuss bestimmt, sondern für die Speisung der Vielen. „Eigentum verpflichtet“ heißt es kurz und bündig im Deutschen  Grundgesetz Art. 14. Das kann man ruhig auch spirituell verstehen.

Ist der Gemeindeaufbau Selbstzweck? Besteht der Sinn der „Verherrlichung Gottes“ darin, sich aus der Weltverantwortung zurückzuziehen und auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten? Dann hätte Gott selbst nicht Mensch werden müssen, um den Menschen zu dienen und sie aus der Todesverfangenheit zu retten. „Das Reich Gottes ist schon angebrochen, mitten unter euch“ heißt es bei Lukas 17,21. Wir dürfen Jesus im Hungernden, Dürstenden, Heimatlosen (!), Nackten, Kranken, Gefangenen höchst persönlich begegnen (Mt. 25, 34-46). Die Aussetzung der Göttlichkeit Jesu findet vor allem auf der Straße statt, weniger in Kirchen und Monstranzen. Dort ist sie eher zum Coaching der Beter bestimmt (Johannes Chrysostomos predigt ähnlich über Eucharistie im  Mattäusevangelium, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 26, Kempten u. a. 1916, S. 107-109). Gott ist Mensch geworden, um die Armen froh zu machen, gebrochene Herzen zu heilen, Gefangene zu befreien, Blinde sehend zu machen und Zerschlagene wiederherzustellen (Lk 4, 17-19 zitiert Jes. 61,1ff). Frömmigkeit und Mystik des „stillen Kämmerleins“ (in das wir zuerst hineingehen: Mt. 6,6!) bewahrheitet sich an der Peripherie unserer Gesellschaft. Dort gehört sie hin. Die Bergpredigt ist das „Grundgesetz des Christentums“ (Mt. 5+6). „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (Bischof Jacques Gaillot).

Eine christliche Gemeinde und Pfarrei, die, aus dem Gebet heraus, zum „Zentrum ständiger missionarischer Aussendung“ (EG 28) wird, verwandelt ihr Umfeld sozusagen „von selbst“, weil sie den Heiligen Geist wirken lässt. Wo die lebendige Gegenwart Gottes spürbar wird, ist es für Menschen immer attraktiv, anziehend. Die Einladung in die Gemeinschaft mit Jesus verändert den Einzelnen und transformiert die Gesellschaft. Evangelisierung, Gemeindeaufbau und -entwicklung sind, wenn erbetet und geistgewirkt, zwangsläufig entweder kontextrelevant oder eine gesellschaftliche Nullnummer.

Insofern ist Evangelisierung als „tiefste Identität der Kirche“ (EN 14) „neo-evangelikal“, weil sie das soziale Engagement und damit die Transformation der Gesellschaft mit in den Focus nimmt. Im Grunde ist aber auch das nichts wirklich Neues, weil der Begründer des Pietismus, [August Hermann Francke] (1663-1727), das nie aus den Augen verloren hat, sondern im Gegenzug zugleich auch der Begründer der evangelischen Diakonie in Deutschland war, bis hin zum Einfluss auf das preußische Volksschulwesen. Katholische Caritas und Ordensgründungen erfolgten parallel und auf derselben Ebene. Bettelorden, Kleine Schwestern und Brüder, das Werk Mutter Teresas oder der Einfluss der „Gemeinschaft von St. Egidio“ auf Versöhnungsprozesse von weltgeschichtlicher Tragweite sind nur einige Beispiele.

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände“, so beginnt die Lehre des 2. Vatikanischen Konzils über die „Kirche in der Welt von heute – Gaudium et spes (GS)“. Die kath. Kirche macht sich damit die „anthropologische Wende“ in der Theologie der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu eigen, ohne die „theozentrische Wende“ durch Neuaufbrüche (Erweckungen) wie z.B. die Pfingstbewegung zu verdrängen, die seit 1967 als „charismatische Erneuerung“ auch in der kath. Kirche Fuß gefasst hat. Beim Lesen der Ekklesiologien (Lehre über das Wesen der Kirche) eines Johannes Reimer oder Tobias Faix gewinne ich den Eindruck, dass diese Entwicklung auf evangelikaler Seite jetzt in Riesenschritten aufgeholt wird [siehe Literaturliste].

Beim Treffen von Vertretern der Internationalen Evangelischen Allianz mit PP. Franziskus am 6. Nov. 2014 trat dieser für eine „neue Etappe in den Beziehungen zwischen Katholiken und Evangelikalen“ ein. [„What is an evangelical catholic?“] ist 1992 als Baustein des Versöhnungsprozesses in Nordirland schon einmal zu Papier gebracht worden. Mein Lieblingsbild, das Foto vom „Schulterschluss“ habe ich [hier] schon einmal gepostet. Es gilt, „das, was der Geist bei ihnen (allen Christen) gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist“ (EG 246) – nicht nur auf höchster Theologenebene, sondern ganz praktisch: „Wenn wir uns auf die Überzeugungen konzentrieren, die uns verbinden, …werden wir rasch (!) auf gemeinsame Formen der Verkündigung, des Dienstes und des Zeugnisses zugehen können.“ (ebd.), also mit neuen pastoralen Formaten auch bei uns, in Deutschland, bei Dir – und mir!

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