neo-charismatisch?

Dass es bei der Wiederentdeckung der charismatischen Dimension von Kirche und Christsein nicht um den Rückzug in fromme Zirkel zur Pflege seltsamer Frömmigkeitsübungen gehen kann, habe ich in den vorigen Blogs ja schon ausführlich dargestellt.

Das neue evangelikale Profil der Theologie besteht aus den zwei Brennpunkten einer Ellipse: Inkarnation („eingefleischt sein“) Jesu durch den Heiligen Geist ins Heute von Christen, und: „Gott und den Menschen zugewandt“ zur Transformation der Gesellschaft.

Ein neues charismatisches Profil von Kirche bzw. Gemeinde checkt die Gaben und Potentiale der Persönlichkeiten von Christen und macht sie fruchtbar für Gemeindeaufbau und -entwicklung. Richtwerte sind die Charismenkataloge der 12. Kapitel von Röm. und 1. Kor. und neu ins Bewusstsein kommende Gnadengaben für die Postmoderne. Die Charismen der prophetischen Rede (die Welt „mit den Augen Jesu sehen“) und der Unterscheidung der Geister („was ist Gottes Wille für unsere Stadt, unser Dorf, unsere Gemeinde, für mich?“) haben heute einen hervorgehobenen Stellenwert. Da sind wir vom Apostel Paulus nicht sehr weit entfernt (1. Kor. 14,5 und z. B. Eph. 5,17 in ganz praktischem Kontext).

Die pfingstlich und charismatisch bewegte Kirche/Gemeinde lebt heute in der sog. [Postmoderne]. Diese ist charakterisiert durch eine unglaublich große Vielfalt an Lebensentwürfen, Weltanschauungen und Religionen auf einem geistigen (nicht: geistlichen) Markt, auf dem der Einzelne sich seine Werthaltungen und Überzeugungen aussuchen kann und dies auch tut, indem er sich selbst sein, oft synkretistisches („von allen Religionen ein kleines Bisschen“), Weltbild baut. Christlicher Glaube ist selbst in sich vielfältig, denn Kirche präsentiert sich innerhalb der vielen Weltkulturen in vielen Konfessionen und Riten ziemlich „multikulti“ (sogar die röm.-kath. lebt solche Vielfalt, EG 117, 122) und ist dabei ein „global player“, das „erste soziale Netzwerk“. Alles das zusammen bereitet ewig Gestrigen große Probleme! Sogar die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes selbst kann damit ganz neu entdeckt werden. Die Entscheidung für Jesus als Person (und eben nicht als Ideologie) vereinigt auf neue Weise Christen mit der zentralen Verkündigung von Christus als dem Eckstein, von dem das ganze Haus zusammengehalten wird (vgl. 1. Petr. 2, 4-8).

In der Postmoderne kommt der Frage nach der Gemeinde, in der Gott mit seinem Heiligen Geist gerne zu Hause ist und die daher anziehend für Menschen auf der Suche nach Lebenssinn ist, eine entscheidende Bedeutung zu. Wo Gemeinden erneuerungsresistent sind, kann es kein Wachstum geben (vgl. EG 26). Sie werden aussterben. Es müssen daher parallel schon jetzt neue Sozialformen gelebten Glaubens gefunden, neue Formate, ja, neue Gemeinden gegründet werden, neben den herkömmlichen Pfarreistrukturen. „Mixed econonmy“ heißt diese von England her inspirierte pastorale Strategie. Bei Johannes Reimer und seinen Co-Autoren der „Theologie des kontextuellen Gemeindebaus“ bilden sich Gemeinden um lokale soziale Einrichtungen. Das kann ein Stadtteilzentrum ebenso sein wie eine Skaterhalle oder -bahn oder ein Senioren-Mittagstisch. Die kommunalen Bedarfe werden am besten anhand einer Sozialraumanalyse ermittelt. (Studenten suchen immer Themen für ihre Bachelorarbeiten…) Meine Netzwerkliste rechts zeigt die wichtigsten Repräsentationen, die übrigens selbstverständlich alle einen interkonfessionellen Horizont haben.

Die Charismatische Erneuerung (in der kath. Kirche) muss zusehen, dass sie sich von dieser Entwicklung nicht abkoppelt! Eine konkrete Maßnahme zur [„Erneuerung der Erneuerung“] wäre, bei den entspr. Gemeindeaufbau-Kongressen mit ihren Erfahrungsbörsen gut präsent zu sein. Der „Gemeinde-Erneuerung“ bei Evangelischen und Baptisten scheint dies zur Zeit besser zu gelingen.

Wikipedia prägt für den Zusammenhang von Evangelisierung, Gabenorientierung und Gemeindeaufbau bzw. -wachstum das Schlagwort [„neo-charismatisch“] und will damit deutlich machen, dass Charismatisch-Sein in der Postmoderne mehr zu bedeuten hat als das Praktizieren einer pfingstbewegten Frömmigkeit. Wenn neue Gemeindeformate bereits Eingang in die Praxisberatung von Seelsorgeämtern einiger Bistümer und Landeskirchen gefunden haben, muss eine „charismatische Erneuerung“ sich nicht mehr ängstlich davor drücken, dass aus Gebets- und Bibelkreisen auch neue Gemeinden entstehen können, oder dass um charismatische Initiativen (wie z.B. Gebetshäuser, Bildungsstätten oder Lebensgemeinschaften) herum neue Gemeinden entstehen und wachsen (EG 73f. fordert dazu auf, „neuartige Räume für Gebet und Gemeinschaft zu erfinden, die … anziehender und bedeutungsvoller sind. Es ist notwendig, dorthin zu gelangen, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen“ …). Nicht warten, bis Menschen kommen, sondern dorthin gehen, wo sie sind.

„Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs-Methoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. …Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste.“ (EG 33)

Was wollen wir denn noch?

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