Eucharistie-Inflation

Das klingt erst einmal negativ. Ein Zuviel an Eucharistie? Kann es das geben? Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

„Eucharistie“ heißt übersetzt „Gnadenfreude“ und meint die dankbare Feier der Gnade, die Gott uns Menschen schenkt, wenn wir seine Gegenwart in Wort und Zeichen feiern und er uns geistliche Gaben anvertraut. Näherhin ist damit (in evangelischer Terminologie) die Feier des Abendmahles gemeint. Katholischerseits hat sich die Bezeichnung „Eucharistiefeier“ nie richtig durchgesetzt. Volkstümlich heißt es immer noch „heilige Messe“ im Unterschied zur „Wortgottesfeier“, die, weil ohne Abendmahl, ein Schattendasein führt, auch in ihrer spirituellen Wertschätzung. Noch…

Die Feier der Eucharistie, die hl. Messe, hat in der katholischen Welt (denn es gibt ja nicht nur röm.-kath.) einen hohen Stellenwert. Sie ist wie bei Orthodoxen, Anglikanern und Lutheranern Sakrament, d.h. die Zeichen von Brot und Wein bewirken, was sie bezeichnen: Jesu Gegenwart als Gekreuzigter und Auferweckter – nicht ohne das dabei gesprochene Deutewort aus der Bibel, und nicht ohne die versammelte Gemeinschaft, für die Jesus auch heute lebt. Alles andere wäre „Hokuspokus“ (übrigens eine Verballhornung der lateinischen Einsetzungsworte „hoc est enim corpus meum…“ – „das ist nämlich mein Leib…“).

Schon aus der sog. „Zwölfapostellehre (Didaché)“, die älter ist als manche im Neuen Testament anerkannten Schriften, geht hervor, dass sich die Gemeinden „am Abend des ersten Tages der Woche“ zum Brotbrechen versammelt haben, wohl in Erinnerung an die Stellen im Johannesevangelium, wo Jesus nach Ostern seinen Freunden leibhaftig begegnet (Joh. 20, 1.19.26). Daher ist es Überlieferung aus biblischen Zeiten, dass die Feier der Eucharistie/des Abendmahls in den Gottesdienst jedes Sonntags gehört.

Eigentlich, denn: Die Leitung einer Sakramentsfeier ist ein kirchliches Amt. Um Missbräuche zu verhindern, delegiert der Bischof Teile seines Amtes an die lokalen Vorsteher, griech. Presbyter, woraus das Wort „Priester“ entstanden ist. Wenn aber kein Priester da sein kann, gibt es keine hl. Messe. Jedoch eine Wortgottesfeier, die jede/r Getaufte und Gefirmte/Konfirmierte leiten kann und in der auch gepredigt werden soll – von „Laien“. Das ist in Lateinamerika, Afrika und Asien Aufgabe der Katechisten (wir würden sagen: Gemeindereferenten/innen) und der sonntägliche Normalfall. Eine hl. Messe im Monat oder noch seltener ist dort die Regel. Also keine Panik, wenn wir Europäer und Nordamerikaner uns dem annähern, schon jetzt.

Das 2. Vatikanische Konzil beschreibt in „Lumen Gentium“ die Eucharistiefeier als „Quelle und Höhepunkt“ (LG 11) des kirchlichen Lebens. Wenn man das genau liest, ist sie eben nicht Mittelpunkt, um den sich alles dreht und den alle Strukturmaßnahmen sichern müssen. Die Hauptaufgabe der Kirche besteht nicht darin, immer nur den Höhepunkt anzustreben und möglichst viele Eucharistiefeiern sonn- wie werktags an möglichst vielen Orten anzubieten. Das ist leider immer noch eine weit verbreitete katholische Fehlentwicklung, weil sie

1. die „tiefste Identität der Kirche in der Evangelisierung“ (EN 14) ignoriert oder zumindest nicht versteht, und

2. nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will, dass die Pfarrei und alle anderen katholischen Gemeinschaften oder Gottesdiensorte „zu Zentren der Evangelisierung“ im lokalen gesellschaftlichen Kontext werden sollen (EG 28), und

3. die biblische Reihenfolge Bekehrung →  Glaube →  Sakramente genau verkehrt herum angeht und die Quelle außer acht lässt. Strukturmaßnahmen (Gemeindefusionen) sollen dem Kerygma (Erstverkündigung) dienen und sind ihm daher auch methodisch nachgeordnet.

„Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigen können. … Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne »Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung« wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.“ (EG 26. vgl. oben Punkt 1)

Identität und Berufung der Kirche zielen nicht auf einzelne Sakramente, sondern sie ist Mission, Einladung zur Bekehrung oder deren Erneuerung. Die „aktiv Handelnden in der Evangelisierung“ sind aber nicht primär und ausschließlich die Hauptamtlichen oder Geweihten, sondern die Gemeindemitglieder (EG 28). Die Pastoralteams sollen sie dabei begleiten, nicht ersetzen.

Das beinhaltet keinesfalls eine Abwertung der Eucharistie. Sie hat ihren Platz als „Quelle und Höhepunkt“ des liturgischen Feierns von Kirche und Gemeinde, aber das ist eben nicht der Mittelpunkt.  Quelle und Höhepunkt weisen darauf hin, dass es noch etwas dazwischen gibt, an den sechs Werktagen, die Hauptaufgabe geistlichen und kirchlichen Lebens, nämlich Evangelisation, und alles zusammen muss sich im diakonischen Engagement bewahrheiten. Das Modell der „kleinen christlichen Gemeinschaften“ bzw. der evangelikalen Hauskreise setzt genau das um und führt zur gegenwärtigen Wiederentdeckung des „gemeinsamen Priestertums“ aller Getauften in der katholischen Kirche, das von den deutschen Bischöfen [jetzt] so vehement gefordert wird. In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, dass die Befähigung junger Erwachsener zur Leitung solcher kleinen Gemeinschaften im Erzbistum Wien ganz offiziell einer [freikirchlichen Gruppierung übertragen] wurde, nämlich der „Gemeinschaft Kerygma“, einem Zweig von [Jugend mit einer Mission].

Kann es sein, dass die „conversión“, Bekehrung und Kehrtwende in der kirchlichen Praxis, auch die nachkonziliare Fixierung auf die Eucharistiefeier als einzig erstrebenswerte Liturgie (Gottesdienst) und die Berufsbilder [des damit verbundenen Weiheamtes] auf den Prüfstand stellt, ja: stellen muss? Rühren wir an ein Tabu?

In der Liturgiekonstitution (SC, bereits 1963!) heißt es nämlich in Nr. 9:

„In der heiligen Liturgie erschöpft sich nicht das ganze Tun der Kirche; denn ehe die Menschen zur Liturgie hintreten können, müssen sie zu Glauben und Bekehrung gerufen werden: „Wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Doch wie sollen sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind?“ (Röm 10, 14-15). Darum verkündet die Kirche denen, die nicht glauben, die Botschaft des Heils, damit alle Menschen den allein wahren Gott erkennen und den, den er gesandt hat, Jesus Christus, und dass sie sich bekehren von ihren Wegen und Buße tun. Denen aber, die schon glauben, muss sie immer wieder Glauben und Buße verkünden und sie überdies für die Sakramente bereiten. Sie muss sie lehren, alles zu halten, was immer Christus gelehrt hat, und sie ermuntern zu allen Werken der Liebe, der Frömmigkeit und des Apostolates. Durch solche Werke soll offenbar werden, dass die Christgläubigen zwar nicht von dieser Welt sind, dass sie aber Licht der Welt sind und den Vater vor den Menschen verherrlichen.“

Diese Voraussetzung für Gottesdient, Liturgie und Eucharistiefeier haben wir in den 50 Jahren seit dem Konzil sträflich vernachlässigt, ja ignoriert! Der evangelikale Methodenansatz von „Evangelii Gaudium“ ist also keine Erfindung von PP. Franziskus, sondern ergibt sich unmittelbar aus SC 9. Mission, Bekehrung und Buße (=Versöhnung mit Gott) sind stattdessen regelrecht zu „Unwörtern“ der Mainstreampastoral geworden, mit all den fatalen Folgen des Bruches in der Glaubensüberlieferung über die Generationen, der Tabuisierung des persönlichen Glaubens und der Unfähigkeit, darüber zu sprechen (EG 70).

In der (deutschen) kath. Kirche wird einfach vorausgesetzt, dass Mission, Bekehrung und Bekenntnis abgehakt sind und sich jeder Erwachsene selbst um sein progressives Glaubenswachstum kümmert. Aus Taufe, Eucharistie und Firmung im Kindes- und Jugendalter wird damit volkstümliche Brauchtumspflege, dessen eigentlicher Sinn nicht mehr vermittelbar geworden ist. „Ich bin halt Folklore-Christ“, sagte ein interessierter junger Mann im Interview – anlässlich eines Moscheebesuchs!

Die Mehrheit der Erwachsenen hat das letzte Mal im schulischen Religionsunterricht (wenn er denn stattfindet) über Glaubensdinge nachgedacht und gesprochen (wenn denn nicht nur „Werte und Normen“ behandelt wurden). Den Glauben bewusst angenommen und ihre Säuglingstaufe gewissermaßen als Erwachsene ratifiziert und erneuert haben nur wenige. 90% der eigenen Kirchenmitglieder interessieren sich weder für Gottesdienste, noch für Gemeindewahlen. Mitverantwortung – nein danke! Bei solchen Zahlen in einem Unternehmen würde jeder Aufsichtsrat als erstes das komplette Führungsteam austauschen!

Der methodische Ansatzpunkt zur pastoralen Conversión lautet: Evangelisierung der bereits Getauften und Gefirmten/Konfirmierten, Selbst-Evangelisierung der Kirche und Gemeinde (EG 164), bevor sie in den gesellschaftlichen Kontext gehen kann. Das erfordert für jede Gemeinde/Gemeinschaft einen  Strategieplan von etwa drei Jahren mit realistischen Zwischenzielen, und deren Evaluation, ebenfalls unverzichtbar. Ein gemeinsam erarbeitetes Leitbild (Vergewisserung über die „DNA“) ist dafür ein sinnvolles Werkzeug, weil es überprüfbar ist und für Transparenz zwischen Team und Mitgliedern sorgt. Mehr dazu [hier im 2. Teil].

Es geht also nicht darum, so etwas wie eine „eucharistische Fastenzeit“ oder gar eine „eucharistische Abstinenz“ zu propagieren. Das wäre ein Herumkurieren an Symptomen. Aber es geht um eine geradezu therapeutische Schwerpunktverlagerung in der Gemeindepraxis, die PP. Franziskus immer wieder als „Kehrtwende“ charakterisiert, die „nichts so belassen darf, wie es ist.“ (EG 25)

Der Kirchenlehrer Augustinus hat „conversio“ regelrecht im Gottesdienst „geübt“, wie aus einer seiner Predigten hervorgeht. Er forderte seine Zuhörer auf, aufzustehen, „sich umzuwenden“, also das Gesicht von der Apsis (als Ort des liturgischen Geschehens) abzuwenden und sich damit „durch Analogie“ Gott in ihrem persönlichen Leben „zuzuwenden“. (Quelle: Robin Lane Fox: Augustine, Conversions and Confessions, dt. 2017 bei Klett-Cotta, zit. in der FAZ Nr. 295/19.12.2015, S. 11)

Zuerst Mission, dann Eucharistie! –  soweit diese in Zukunft überhaupt noch ermöglicht werden kann. Die bei uns boomenden Freikirchen propagieren ein [Vier-Schritte-Modell], das  sprachlich und medienpädagogisch für die Postmoderne weiter überarbeitet wurde, und, ohne es beabsichtigt zu haben, einen konsequenten Brückenschlag zum oben zitierten Punkt 9 der Liturgiekonstitution bildet. Der Geist weht, wo und wie er will (Joh. 3, 8).

Wir sind bereits in einer Situation, in der sonntägliche Wortgottesfeiern in manchen Gemeinden zum Normalfall werden, mit wachsender Tendenz. Von Werktagen brauchen wir gar nicht erst zu reden. Gemeinden, die das nicht hinbekommen, werden mit ihren Immobilien (Kirche) zum betriebswirtschaftlichen Risiko, das dann schlimmstenfalls entsorgt wird – und die Gemeinde meist leider gleich mit.

Gemeinden, in denen in der Regel monatlich Abendmahl gefeiert wird, ist mit dem Vorwurf, eine Tradition mit biblischem Kontext nicht umzusetzen, nicht geholfen. Für die Postmoderne nehmen sie eher den Realitätssinn vorweg, der [der (deutschen) kath. Kirche zu wünschen] ist. Ein Zeichen nicht nur der Zeit, sondern des Heiligen Geistes?

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