post-konfessionell?

Nach den vielen ökumenischen Dialog- und Konsenspapieren (über das Wesen der Kirche und den Dienst des Amtes darin steht der Konsens noch aus) ist es ein bemerkenswertes Zeichen, wenn eine freikirchliche Gemeinde sich in ihrem Profil auch ihres Katholisch-Seins vergewissert:

Bibel(lesen), Gebet und Nächstenliebe sind die Quellen der Einheit auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel, zum einen Gott. Dass die Quellen fließen, dafür sind alle Getauften und Gefirmten/Konfirmierten gemeinsam verantwortlich.

Meinen eigenen [Standort] hatte ich gerade fertig, als ich zu Weihnachten wieder einmal auf der Homepage unserer Tochtergemeinde war. Freudig überrascht klinke ich mich als Katholik so ein:

  • biblisch:
    Alle konfessionellen Spaltungen beruhen auf Auslegungsproblemen der Bibel. Die kirchliche (und katholische) Tradition (Glaubensüberlieferung) darf der Bibel nicht widersprechen. Dafür hat das Lehramt zu sorgen, und auch in evangelischen Gemeinden gibt es so etwas wie „Lehr- und Gemeindezucht“. Wenn die Bibel etwas nicht direkt regelt heißt das nicht, dass es keine entsprechende Praxis geben darf. Umgekehrtes Beispiel: In welchen (evangelischen) Gemeinden ist heute noch das Kopftuch für Frauen üblich (1. Kor. 11, 5+10)?
  • katholisch:
    Alle Kirchen und Gemeinschaften, die sich auf die altkirchlichen Bekenntnisse berufen (wie auch der Mülheimer Verband), haben im Urtext die lateinische bzw. griechische Formulierung: „…und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ Als Katholik sehe ich mich nicht verpflichtet, den Text in „römisch-katholisch“ zu ändern. In „Lumen Gentium“, der kath. Lehre über die Kirche heißt es, dass die  katholische Kirche mit Papst und Bischöfen (und das ist nicht nur die römische, sondern sind noch weitere Teilkirchen) in der von Jesus gewollten und angestoßenen Gemeindeentwicklung „subsistiert“ (LG 8) – sub-! Das heißt eben nicht, dass die Kirche Jesu Christi einzig und allein als  römische ex-istiert. Damit bricht sie mit dem traditionellen Allein-Seligmachungs-Anspruch. Selig kann werden, wer glaub-würdig lebt (LG 16). Welcher Christ will dem widersprechen? Die Ekklesiologie (Lehre über die Kirche) der Alphakurse ist übrigens ziemlich katholisch und wird auch in Freikirchen nicht ernsthaft bestritten.
  • evangelikal:
    Gelebtes Leben einer persönlichen Beziehung zu Gott und die bewusste Annahme der Freundschaft mit Jesus ist zutiefst katholisch. Leider wird dieser pastorale Ansatz in den Schriften z.B. von Henry Nouwen, Roger Schutz u.a. Mystiker, und aller Päpste seit dem Konzil, von Katholiken nicht als evangelikal identifiziert, der er zweifellos ist, und zwar lupenrein! Für das Miteinander mit den Kirchen der Evangelischen Allianz und dem Abbau von Vorurteilen gegenüber den Freikirchen würde das Vieles erleichtern. PP. Franziskus hierin zu folgen fällt vielen in Deutschland (auf beiden Seiten) schwer. [Angloamerikanisch sieht das völlig anders aus.]
  • charismatisch:
    Nach dem Schreiben der deutschen Bischöfe [„Gemeinsam Kirche sein“] über das gemeinsame Priestertum aller Getauften und deren Verantwortung für die Evangelisierung der Gesellschaft kann die Kirche der Zukunft auch in Deutschland nur eine charismatische Kirche sein. Die sog. „Charismatische Erneuerung“ als weltweite geistliche Bewegung eint schon jetzt Katholiken, Evangelische Landeskirchler und pfingstliche Freikirchler und hat die Power des Heiligen Geistes besonders hinsichtlich ihrer Kernaufgabe „Evangelisierung“ hoffentlich noch lange nicht verschossen…
  • evangelisch:
    „Wir haben den alten Gegensatz zwischen Wort und Sakrament bereits überwunden“, sagt PP. Franziskus in EG 174. In der Tat hat es in der röm.-kath. Kirche eine umfassende Wiederentdeckung des Wortes Gottes gegeben, bis in die Liturgie hinein, die, in verständlicher Sprache gefeiert, an Sonntagen in einem dreijährigen Rhythmus drei Lesungen aus der Bibel (davon eine aus dem Alten Testament) zu Gehör bringen und auslegen soll. (Leider ist man in den allermeisten deutschen Pfarreien immer noch der Meinung, das Volk Gottes damit zu überfordern und sucht ziemlich willkürlich nur zwei davon aus.) „In der Wertschätzung des Wortes Gottes und im Umgang mit der Bibel können wir Katholiken gar nicht evangelisch genug sein“, hieß es schon vor vielen Jahren im Ausbildungskurs meines Bistums für Wortgottesdienstleiter/innen. Solche Gottesdienste (selbstverständlich mit Predigt von „Laien“) werden in einigen Jahren der katholische Normalfall in Deutschland nicht nur an Werktagen, sondern auch an Sonntagen sein.

Nein, postkonfessionell sind wir nicht „einfach so“, weil es schick und „alles nicht mehr so streng wie früher“ ist, und um (post)modern zu wirken. Aber die vielen Schnittmengen zu entdecken und vor allem weiter zu entwickeln bleibt Aufgabe auf allen Ebenen: von den Theologen über die Amtsträger/innen bis zu den normalen Christen, denen der Glaube eine Herzensangelegenheit ist (LG 14). Der Frühling der Kirche zeigt sich in den vielen unterschiedlich großen und vielfältig bunten Blumen und Sträuchern einer Blumenwiese, auf der auch Wildkraut wachsen darf. Als Konsequenz aus Horizonterweiterung und Brücken-bauen zueinander dürfen heute, im Unterschied zu früher, ganz unverhofft auch neue Strukturen entstehen, bis hin zu Startups in ungewohnten Gemeindeformaten, „Ekklesien“ (Peter Hundertmark, Kirche für Beginner, fresh-X), und das über alle Konfessionsgrenzen hinweg: multikonfessionell!
[„What is an evangelical catholic?“]

Löscht den Geist nicht aus! (1. Thess. 5,19)

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