Kirche – was nun?

Das NDR-Fernsehen (3. Programm) befasst sich in „Hallo Niedersachen“ diese Woche [mit diesem Thema]. Rechtzeitig vor Einstellung des lokalen Fernsehprogramms unserer Stadt gab es am 29.12.2015 noch ein Interview zum selben Thema, und als die Austrittszahlen im Juli 2015 veröffentlicht wurden, habe ich [schon dazu gebloggt] und hier mehrfach nach den Konsequenzen gefragt und [Strategien überlegt].

Die Fakten sind erschreckend, und wenn sie so vertraut sind, heißt das ja, dass es mit der Mainstreampastoral nicht so weiter gehen kann wie bisher.

…das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet. Ich hoffe, dass alle Gemeinschaften dafür sorgen, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf wie sie sind. Jetzt dient uns nicht eine »reine Verwaltungsarbeit«. Versetzen wir uns in allen Regionen der Erde in einen »Zustand permanenter Mission«. (PP. Franziskus in EG 25 bereits im Jahr 2013, vor drei Jahren!)

Wenn die kath. Kirche seit Jahren um diesen Beziehungs- und Vertrauensverlust weiß, wie es im Interview (siehe ganz unten) zum Ausdruck kommt,  dann ist die rhetorische Frage des Interviewers nur konsequent, ob und was wir (ich?) dagegen tun. Ich würde sogar noch eins draufsetzen und sagen: Wir wissen es seit dem legendären  – und wie ich meine prophetischen – Referat von Kardinal Joseph Höffner bei der Herbst-Bischofskonferenz 1979 über den (damals bevorstehenden) Traditionsbruch und seine Folgen („Pastoral der Kirchenfremden“, leider vergriffen). Das ist 34 Jahre her!

Im Interview wird das richtige Ziel der Kehrtwende in den kirchlichen Bemühungen genannt: Beziehungsstärke. Aber bloßes „Nachdenken über die Art, wie Gottesdienst gefeiert und gepredigt wird“ hilft kein Stück weiter und setzt auch am verkehrten Ende an:

  1. Die Bestimmungen über hl. Messe und Predigt stehen dem im Weg.
  2. Gottesdienste werden lt. neuer Umfrage der Apotheken-Umschau von nur 9% der Kirchenmitglieder mitgefeiert. Liturgie und Predigt erreichen die 91 % Kirchenfremden überhaupt nicht. Wie sollen sie merken, dass sie etwas verpassen?
  3. Liturgie und Predigt von Priestern wird in den nächsten zehn Jahren auch sonntags zunehmend die Ausnahme bilden. Kleriker- und Weihezentriertheit des „heiligen Restes“ sorgen für leere Gotteshäuser, weil andere Gottesdienstformen als die der hl. Messe nicht akzeptiert werden. Leere Kirchen sind dann ein betriebswirtschaftliches Risiko und müssen notgedrungen entwidmet oder entsorgt werden, und dadurch werden es die Gemeinden leider meist gleich mit. Kirche macht sich selber überflüssig.

Ausweg aus der Krise:

  1. Den „Masterplan“ [Evangelii Gaudium] mit seinem evangelikalen Ansatz und die [Konkretisierung der deutschen Bischöfe] mit der Wiederentdeckung des gemeinsamen Priestertums endlich Ernst nehmen und in pastorale Strategien für die nächsten drei bis fünf Jahre umsetzen. Froh über einen Papst zu sein ist kein Alibi für Initiativlosigkeit.
  2. Großpfarreien in beziehungsstarke kleine Gemeinden (Haus-/Bibel-/Glaubenskreise) einteilen, und zwar nach Plan und mit Evaluation. Die [Vallendarer Glaubenskurse] bieten ein komplettes Glaubens- und Gemeinde-Erneuerungsprogramm, notfalls sogar inkl. Personal. Evangelisierung ist die zentrale Identität der Kirche, nicht Eucharistie! (PP. Paul VI in Evangelii Nuntiandi 14, das war 1975, vor 39 Jahren!)
  3. Zu Wortgottesfeiern mit Laienpredigt einladen. Keine Gemeindekirche muss gottesdienstfreie Tage haben!

Beziehungsstärke ist nicht nur eine soziale Kategorie, sondern noch davor eine spirituelle. Es fehlen flächendeckend Glaubenskurse sowohl für Kirchenfremde (wer soll sie einladen?) als auch für Interessierte aus den 9 % (wie sollen sie sprachfähig werden?) Diese Fragen wurden schon im Konzilsbeschluss über die Liturgie [in SC 9] gestellt, das war vor 53 Jahren! Wir haben die Relevanz dieses Textes hinsichtlich Bekehrung und Glaubenswachstum geflissentlich bis heute übersehen! Die lebendige Beziehung zu Jesus Christus entsteht durch die persönliche Bekehrung (EG 3) und, im Falle der Säuglingstaufe, Ratifizierung des Taufversprechens. Dafür müssen Formen für Gruppengottesdienste entwickelt werden, die über die rituelle Tauferneuerung in der Osternacht hinausgehen (Heribert Mühlen schon Ende der 70-er Jahre, eins der konstruktiven Charismen der sog. „Charismatischen Erneuerung“ besonders für die Kirche in Deutschland!).

Lernen von den Freikirchen:

  1. Freikirchliche Gemeinden sind beziehungsstark, und zwar spirituell und sozial. In meiner Gemeinde liegt die Gottesdienstmitfeier bei 130 % bezogen auf die Mitglieder. Es zieht mich jeden Sonntag dorthin, und die Predigten sind alltagstauglich, was mich persönlich stark weiter bringt. „Graue Häupter“ sind in der Minderzahl, und jeden Sonntag (nicht nur einmal im Monat) wuseln 80 Kinder in drei Altersgruppen durch die Räume, plus parallelem Jugendgottesdienst.
  2. In meiner (kleinen!) Gemeinde gibt es regelmäßig den [Alphakurs], das [Gabenseminar] und für Fortgeschrittene Jüngerschaftskurse [hier ein katholisches Modell]. Basisgemeindliches Strukturelement sind 12 Haus- und noch weitere Arbeitskreise.
  3. „Mixed economy“: neue Gemeinden um Bibel und „disponible Laien“ [Erzbischof Bergoglio 2007] herum gründen, innerhalb der Großpfarreien. Wie das geht, steht bei [Peter Hundertmark] und im Programm [Gemeinde³] der FEG. Kirche in neuen Umgebungen und ungewohnten neuen Räumen bauen („Church-Planting“), neue Gemeindeformate kreieren, in denen zum Glauben eingeladen und wo Glaubenswachstum gepflegt wird („Kirche für Beginner“). Motivation für Gemeindemitglieder und Hauptamtliche gibt es über die Kongresse und Workshops der Erneuerungswerke in meiner Linkliste rechts.

Die Freikirchen wachsen, weil sie keine „Sprechblasenpastoral“ betreiben, sondern genau in den Altersgruppen [erfolgreich missionieren], die den großen Konfessionen verloren gegangen sind.

Und hier nun das Interview:

Gott sei Dank ist Kirche (multikonfessionell) in Bewegung, aber katholischerseits kommt sie leider nur hier und da in Schwung. Einer der erforderlichen „neuartigen Räume“ ist auch seit 11 Jahren die „Gebetsschule“ der Osnabrücker Domgemeinde, die noch ausbaufähig in Richtung eines neuen Gemeindeformates ist. Wie so etwas konkret aussehen kann, haben einige Osnabrücker/innen im Januar kennen gelernt. Darüber muss weiter miteinander geredet werden…

 

 

 

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