Mein freiwilliges Jahr als Volunteer beschert mir unglaubliche Highlights der „ersten Male“…
Das [erste Mal in Rom]. Das erste Mal konkrete Leiterschulung, [kirchlich] und [weltlich]. Das erste Mal [charismatischer Kongress]. Nun das erste Mal [Willow-Creek-Leitungskongress] mit dem Seminartag von [fresh-X] zum „Vorglühen“! Über 10.000, denen Jesus und die Kirche nicht egal sind. Bis zum letzten Rang ist die TUI-Arena Hannover gefüllt. Allein das wäre schon Hoffnungszeichen genug.

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Bill Hybels, der Nestor des Church-Managements, kommt mir frei von Star-Allüren vor. Gott sei Dank! Das ist nicht bei allen Referenten/innen solcher Kongresse so. Bemerkenswert ist der „rote Faden“ von „objektiven“ Führungsinstrumenten hin  zum „subjektiven“ Selbst-Management und zur Bedeutung der persönlichen Spiritualität, letztlich zum „Du“, mit dem Jesus mich freundschaftlich anredet (und meine Mitarbeiter/innen auch!). Insofern würde ich das „schwarze Loch“, das Johannes Hartl in seinem Kongressbeitrag mitten in unsere stressende Geschäftigkeit hinein malt, nicht als „philosophisches Nichts“ identifizieren, sondern als die Quelle, die randvoll angefüllt ist mit Heiligem Geist – mit dem wir uns überschütten lassen dürfen!

Joseph Grenny zeigt sechs Facetten der Einflussnahme (auf Menschen bzw. Mitarbeiter) auf. Mir fallen die Schnittmengen mit den traditionellen „[Regeln zur Unterscheidung der Geister]“ des Ignatius von Loyola auf, von denen der Referent bestimmt noch nie etwas gehört haben mag – eine späte, aber umso frappierendere Verifizierung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive.

Liz Wiseman redet eine Stunde lang über mich… Nein, selbstverständlich nur im übertragenen Sinne. Aber: Als Neubekehrter bin ich blutiger Anfänger, und als breit Ausgebildeter kann ich ein wenig Praxiserfahrung beisteuern. Auf amerikanisch sind solche Typen „Rookies“: Neulinge, die lernen müssen. Zugleich wissen Erfahrene, dass sie frisch bleiben, sich Neuem aussetzen müssen. Diese (doppelte) Intelligenz des lebenslangen Lernens hält Gemeinden wie Unternehmen an der Spitze. Wow, das versuche ich doch gerade…!

Dass Grenny und Wiseman Mormonen sind, blieb bei ihrer Vorstellung unerwähnt. Kritiker werfen Willow-Creek vor, sektiererischen Lebenshaltungen eine Einflussnahme zu ermöglichen.

Mein Willows-Highlight 2016 ist der Vortrag von Michael Herbst, der die sozialdiakonische Seite unserer Christusbegegnung aufschlägt, die in frommen Kreisen nur allzugern und allzuoft vernachlässigt wird. Wenn Gott mit uns auf Augenhöhe kommuniziert, dann hat das immer etwas mit Gerechtigkeit und Frieden zu tun! Hier die Zusammenfassung von Jörg Podworny aus der Willow-Homepage:

Als „Theologe unseres Vertrauens“ stellt Stefan Pahl, 2. Willow Vorsitzender in Deutschland, den nächsten Sprecher beim Leitungskongress vor: Michael Herbst, Professor für Praktische Theologie an der Uni Greifswald. Und in einem fulminanten, inhaltsschweren Vortrag über Kirche als Ort der Barmherzigkeit rechtfertigt Herbst das Vertrauen.

Auf jeder Seite der Bibel, sagt er, stoßen wir auf Gottes Barmherzigkeit. Gott liebt Erbarmen und schafft Barmherzigkeit, aber wir haben Gott nicht immer so den Menschen vorgestellt. „Und Jesus kommt als Barmherziger Samariter – wie konnten wir das übersehen?“, fragt Herbst.

(Hab ich als Notfallseelsorger in den Dienstkonferenzen auch immer gefragt.)

Gottes Herzenswunsch ist der: Kein Armer unter euch. Guckt man in Gemeinden heute, zeigt sich: Arme – Fehlanzeige!

Der tiefste Grund für Barmherzigkeit liegt in Jesu „bedingungsloser Identifikation“ mit den Armen. „In jedem einzelnen Menschen begegnet uns das Ebenbild Gottes“, erinnert Herbst. Und wenn Menschen Gemeinden erleben, sollten sie „spüren: Hier regiert Barmherzigkeit.“

Beim christlichen Glauben geht es aber nicht nur um gute Werke. Herbst mahnt, sich nicht mit der „geistlichen Mittelschicht“ zufrieden zu geben. Denn: „Vor Gott sind alle Armen gleich und alle gleich arm. Wenn wir das nicht wollen, ist uns nicht zu helfen. Dann sind wir nicht zu retten. Das ist die Botschaft der Reformation, schon vor 2017.“

Richtig verstandene und gelebte Barmherzigkeit hat nichts zu tun mit dem überheblichen Nick-Neger-Spender, der den Armen womöglich noch nach unten drückt und vor allem die eigene Gewissensnot durch Spenden zu lösen versucht. Armut ist nicht nur eine materielle Frage, sondern auch von Würde und Respekt – übrigens auch in Gelsenkirchen, in der Uckermark oder Hamburg-Jenfeld. „Wer wirklich helfen will, wird immer darauf schauen, welche Gaben und Ressourcen bei den Menschen vorhanden sind.“ Er wird nicht als „großer Mzungo“ milde Gaben über den Armen abwerfen, sondern Vorhandenes einbeziehen, mit dem Gedanken: „mit und nicht nur für die Menschen etwas tun“.

Gottes Plan B: Er schickte die Welt zu uns

Nach Herbst hat Gott den „Missionsbefehl auf den Kopf gestellt“ in der Flüchtlingsthematik: „Gott hat uns in die Welt geschickt, aber das hat nicht funktioniert, es fiel uns so schwer, immer in die Welt hinauszugehen. Also Plan B: Gott schickte die Welt zu uns.“ Viele Christen und Gemeinden tun schon etwas, aber: „Wir müssten so viel mehr tun als hier und da eine Einladung zum Essen, einmal die Woche Fußball zu spielen, Gottesdienst zu feiern.“ Aber, sagt Herbst, die Menschen sind da. Und sie erleben: „Ihr wart gastfreundlich, ihr seid mehr als eine zweite Meile mitgegangen. Ihr habt nicht geschwiegen, als die Rattenfänger mit ihren Brandreden Angst schürten, sondern habt euch schützend dazwischen gestellt.“

Mit Blick auf die Ereignisse in Köln erklärte Herbst, er wolle die Vorkommnisse nicht politisch kommentieren. „Aber ich stimme dem rheinischen Präses Manfred Rekowski von Herzen zu, der bloggte: „Es gibt katholische Steuerbetrüger und evangelische Ehebrecher ebenso wie atheistische Autodiebe und muslimische Sexualstraftäter. Wer hat dieser Tage das Recht, das hohe Ross zu satteln?!“ Und „trotz aller Ernüchterung“ stimmt Herbst unter großem Applaus zu, „dass unsere Kanzlerin Recht hatte: Wir können das schaffen“ und erinnert an die Integrationsfähigkeit der Deutschen nach 1945. Er fügt allerdings an: „Bisher reichte es, etwas abzugeben; jetzt geht es darum zu teilen.“

Nüchtern räumt Herbst auch ein, dass Christen und Gemeinden „zig Strategien“ angewendet hätten, um Menschen mit der christlichen Botschaft zu erreichen. Aber die großen Durchbrüche sind ausgeblieben. Und er klagt: „Wir sind Immer noch mit unseren kleinen Streitereien beschäftigt, statt Menschen für das Evangelium zu gewinnen.“ Die Aufgabe besteht darin, „nicht schöne Kirchengebäude zu bauen, sondern mit Jesus durchs Land zu gehen“. Herbst schließt: „Wir sind unterwegs und Jesus ist dabei. Wir ein Ort der Barmherzigkeit? Hoffentlich! Aber vor allem: Only God. Nur Jesus. Er kann es. Und er wird es.“


Michael Herbst hatte schon auf dem vorausgegangenen Seminartag von fresh-X zusammen mit Christian Hennecke vom Bistum Hildesheim die kleinen Leuchtfeuer frischer Gemeindegründungen in ungewöhnlichen Umfeldern in den großen Zusammenhang kirchlicher Zukunftsstrategien gestellt und die Unterschiede ausgearbeitet. Auch die amerikanischen Mega-Kirchen sind „Komm“-Kirchen, wie bei uns, allerdings viel attraktiver. fresh-X sind „Geh“-Kirchen, ausgesandt an Orte und in Milieus, kurz: missional.

Wenn wir 10.000 das Gelernte einfach nur anwenden, umsetzen würden/„dürften“… Müssen wir denn jemanden um Erlaubnis fragen? Die Paragrafen-Ebene ist für die Argumentation zwar keine Garantie für das Ziel, jemanden überzeugen zu können, aber Katholiken sollten zumindest wissen:

Can. 215 — Den Gläubigen ist es unbenommen, Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt frei zu gründen und zu leiten und Versammlungen abzuhalten, um diese Zwecke gemeinsam zu verfolgen.

Can. 216 — Da alle Gläubigen an der Sendung der Kirche teilhaben, haben sie das Recht, auch durch eigene Unternehmungen je nach ihrem Stand und ihrer Stellung eine apostolische Tätigkeit in Gang zu setzen oder zu unterhalten; keine Unternehmung darf sich jedoch ohne Zustimmung der zuständigen kirchlichen Autorität katholisch nennen.

Solche „Vereinigungen“ können, wie in Lateinamerika und Asien üblich, durchaus neue Gemeinden (innerhalb der Megapfarrei-/Bistums-Struktur) sein. Mehr dazu bei Peter Hundertmark, siehe [Literatur]. Obwohl die ca. 200 Katholiken noch eine kleine radikale Minderheit bei Willow sind (einer meiner Rom-Pilgergenossen ist als Pfarrer mit seinem Team dabei), bemerke ich die inhaltlichen Schulterschlüsse: Nicht nur hier bei Michael Herbst zum Thema „Barmherzigkeit“, auch bei Michael Diener mit seinem Beitrag über den Dreiklang Vergebung/Versöhnung – Barmherzigkeit – Einheit in versöhnter Verschiedenheit, oder wie erwähnt bei Joseph Grenny, und auch Johannes Hartl trägt als evangelikal-charismatischer Katholik (wie ich) dazu bei, dass wir geschwisterlich und gottlob mit immer weniger gegenseitigen Zerrbildern miteinander auf demselben Weg sind – und der ist keine Idee, sondern Person: Jesus Christus!

In einer sehr persönlich gehaltenen Einheit, die Bill Hybels mit seinem hervorragend druckreif sprechenden Übersetzer meditativ-sitzend hält, geht es mit Unterstützung durch die Willow-Projektband um die Macht der Musik, für mich als Liebhaber von Ba-rock bis Rock und als aktiver Domchorsänger Balsam für meine Seele. Selten hat mich die von der Chicagoer Soul-Röhre Tina Crawley gesungenene Verszeile mit dem simplen Text „I am no longer a slave of fear. I am a child of God“ [Clip und Text am Ende dieses Links.] so überwältigt, dass mir die Tränen über die Wangen laufen und ich mein Weinen eine Weile vor den Umstehenden verbergen muss. Dieser Augenblick hat in mir eine Seite meiner Persönlichkeit aufgeschlagen, die ich anscheinend bisher nicht besonders gepflegt habe. Immer und immer wieder habe ich in den letzten Wochen diese Worte gehört: [„Hab keine Angst, fürchte dich nicht“]

Und dann war da noch das Treffen in den Denominationen und Berufsgruppen am Freitagabend, mein drittes Highlight vom Willow-Kongress. Endlich lerne ich die Crew vom Mülheimer Verband persönlich kennen, die Gesichter hinter den Nachrichten im Netz. Ich setze mich absichtlich nicht zu meinen Weggefährten/innen. Die Mülheimer sind eine kleine, feine, geschwisterliche und gastfreundliche Kirche. Beziehungsstark eben – wie ich es ja auch zu Hause in „meiner Andreas-Gemeinde“ erlebe. Die überaus netten Bielefelder erzählen mir von der anstehenden Delegiertenversammlung. Ein kleiner Talk mit dem Bundespräses, und ich darf im April dabei sein. Danke Jesus!

Ein Privatquartier für den Katholikentag 2016 in Leipzig hab ich seit heute morgen auch, bei meiner Sitznachbarin, Vorstandsmitglied der (wer hätte das gedacht!) … [Andreasgemeinde] Leipzig! Nochmal Danke Jesus! Diese Gemeinde scheint ein ausgesprochen starkes Willow-Profil zu haben.

Eine etwas oberflächliche Reportage hat der ndr gesendet:
http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Kirchenkongress-zwischen-Himmel-und-Hoelle,kirchenkongress130.html
(mit Video. 160 € für einen Nachmittag? Vielleicht ist es dem Reporter entgangen, dass der Kongress inkl. Seminartag und Kinder-plus-Kongress von Mittwoch bis Sonntag dauerte. Von den Inhalten schreibt er auch nichts, nur von der „Kirchenmeile“ und vom amerikanisierenden Konferenzformat. Vielleicht hätte er mal reinschauen und reinhören sollen…?)

Und ein durchaus kritischer Kommentar [steht in diesem Blog].

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5 Gedanken zu “

  1. „Bisher reichte es, etwas abzugeben; jetzt geht es darum zu teilen“. Dieser Satz spiegelt eine typische Mittelschichtperspektive. Für die arm Gemachten in unserer Gesellschaft läuft es schon jetzt darauf hinaus, daß für sie das existentiell Notwendige noch weniger wird. Die Tafel-Ausgabestellen in unserer Umgebung haben ein Drittel weniger zum Verteilen, wobei interessant ist, daß diejenigen, die selbst eine Fluchterfahrung haben, dafür großes Verständnis aufbringen.

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