Freischwimmer

6. Klasse kath. Volksschule in Hamburg-Ottensen. Wir lernen schwimmen. Im Bismarckbad am Altonaer Bahnhof, längst abgerissen und durch einen Konsumtempel ersetzt. Ziel ist natürlich das Freischwimmerzeugnis und besonders der Aufnäher für die Badehose. Ich bekomme ihn nicht. Als 2-Jähriger hatte ich eine schwere Mittelohrentzündungs-Operation. Mein Arzt befürchtet, dass mein Gleichgewichtssinn nicht stimmt und ich unter Wasser die Orientierung verliere. Ich bin sauer, ich habe davon bisher nichts gemerkt. Ich darf keinen Kopfsprung machen. Also auch kein Freischwimmerzeugnis…! Ich muss mich mit einem Zertifikat über den absolvierten „Unterricht bis zur Wassersicherheit“ und „15 Min. schwimmen beginnend mit einem Sprung“ (Kopfsprung war durchgestrichen) zufrieden geben. Natürlich habe ich danach Kopfsprünge riskiert, die Luft in der Lunge hat mich bis heute immer zuverlässig nach oben getrieben.  Mein damals krankes Ohr hört inzwischen besser als mein gesund gebliebenes, für das ich mittlerweile Unterstützung für die hohen Frequenzen brauche, wenn ich in Teamsitzungen oder Konferenzen bin. Toll, was man heute alles genau durchmessen kann!

Ich habe, gegen die ursprüngliche Entscheidung meiner Eltern, auch Abitur gemacht, fern der Heimat im Rheinland auf einem Aufbaugymnasium für Realschulabsolventen. Ich habe zu meiner Erstausbildung noch zwei weitere Studienfächer abgeschlossen und mit dem ersten die Midlifecrisis der Männer erfolgreich bewältigt und als 60-Jähriger mit dem Master meine letzte Berufsphase noch einmal aufgefrischt. Dass mir das in meinem 3rd life noch auf eine ganz unverhoffte Weise neu zugute kommen würde, habe ich vor sechs Jahren nicht geahnt. Auf jeden Fall wurde ich zusammen mit den Ingenieur-Abschlüssen meiner Kinder fertig und wir haben gemeinsam eine bärenstarke Examensparty mit allen unseren Freundeskreisen gefeiert! Meine Kompetenzen sind also noch ziemlich frisch und nicht von Gestern, ich bin ein „Rooky“, auch als neu Bekehrter, und kann dennoch einiges an Lebens- und Glaubenserfahrung beisteuern. Das ist eine komfortable Situation. Auf dem [Willow-Creek-Leitungskongress 2016 in Hannover] hat Liz Wiseman in ihrem Vortrag gesagt, dass solche Leute, die blutige Anfänger mit gleichzeitig breiter Erfahrung sind (die also lebenslanges Lernen tatsächlich auch anpacken), Unternehmen wie Gemeinden voranbringen. Wow, das ging runter wie Öl! Meinen Eltern und meinem Bruder bin ich unendlich dankbar, dass sie mir diese unbändige Neugier vermittelt haben. Die wachsende Komplexität einer globalen Welt macht mir keine Angst. Ich habe meinen Platz in unserer Gesellschaft und spannende Aufgaben vor mir.

Ja, ich habe mich freigeschwommen und kann mich neuen Herausforderungen stellen. Die, wenn auch kurze, Fahrstrecke mit einer schweren Güterzug-Dampflok (Baureihe 50 mit 1.760 PS) und das Anhalten genau auf den Punkt (selbstverständlich unter Anleitung) war nochmal so eine [Symbolerfahrung]. Führung und Leitung? Yes I can!

Warum erzähle ich das? Ich habe ein Buch „verschlungen“, das mich wie kein anderes in meiner zu Ende gehenden Volunteerzeit berührt und begeistert hat. Es ist der Bericht eines freikirchlichen Predigers, der seinen seit Kinderzeiten dogmatisch geprägten Glauben an einen Gott verloren hat, dessen Gnade nur durch „Altarruf“ bei Missionsveranstaltungen und „Übergabegebet“ zu erlangen sei. Alle Menschen, diese Form von Bekehrung nicht vollziehen, landen in der Hölle. Der durch „Jesus-House“ und „proChrist“ bekannte und vielseitig begabte Torsten Hebel erzählt von seinem Ringen, seiner Sehnsucht nach geistlicher Nähe, und sein Freund Daniel Schneider protokolliert 11 Gespräche mit Wegbegleitern über Glaube, Leben, Vernunft und Beziehung zu Gott. Am Schluss versucht Torsten Hebel in Worte zu fassen, wie eine mystische Gotteserfahrung ihm wieder inneren Frieden und Energie für sein bürgerschaftliches Engagement geschenkt hat. Das Buch hat den bezeichnenden Titel „Freischwimmer – Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr“ und greift das Sprichwort von Antoine de St. Exupéry auf: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Mit seiner Suche nach Gott ist Torsten Hebel, sind wir Christen nicht allein. Die Erkenntnis, dass niemand von uns Gott „haben“ kann, dass unser Gottesbild von unserer Lebensgeschichte geprägt wird („Theologie ist zu 80% Biografie“) und dass wir als von ganzem Herzen Suchende Gott vertrauen dürfen, der sich finden lassen will (Jer. 29, 13), war ein harter Brocken für ihn. Während meiner letzten [Wanderexerzitien] durfte auch ich die Erfahrung machen, dass Gott „Du“ zu mir sagt, nicht umgekehrt, wie es Martin Buber in seinem ansonsten wunderbaren Gedicht „Du“ für das Verhältnis unsererseits zu Gott ausdrückt. Er sagt es zu mir, so wie ich bin, mit allen Facetten meiner Persönlichkeit, die mir auch mit 66 Jahren immer noch wieder Neues, aber auch bisher Verdrängtes und damit Erlösungsbedürftiges offenbart.

Benediktiner/innen und deren Abkömmlinge (Zisterzienser, Trappisten, [Priorat St. Wigberti], Säkularinstitute, [Gemeinschaft Geist und Sendung]) klassifizieren wir gemeinhin als spirituelle Freaks, die Gott in besonderer Weise nahe sind. Ihr Profil hängen sie aber sehr viel tiefer:

Die Benediktsregel gebraucht bevorzugt Bilder des Weges, um die Entfaltung unserer Berufung anzudeuten: Man „schreitet im Glauben voran“ und „läuft den Weg der Gebote Gottes“ (RB Prol. 49); man „schreitet mehr und mehr auf Gott zu“ (RB 62, 4); man „sucht Gott“ (RB 58, 7). Damit wird unser menschlicher Anteil am Berufungsgeschehen ins Wort gebracht, unsere Antwort auf die Initiative Gottes. Wir willigen in eine Beziehung ein, die immer reicher und fruchtbarer werden soll und uns immer tiefere Erfüllung schenken will.

Die „Gottsuche“ ist ein Grundwort der Regel Benedikts, mit dem das Wesen unseres Mönchslebens ausgedrückt wird. Bei einem Novizen soll man vor allem darauf achten, „ob er wirklich Gott sucht“ (RB 58, 7). Was für den Anfänger auf dem Weg gilt, gilt entsprechend für alle. Man könnte sagen, dass Mönche und Nonnen „Gottsucher von Beruf“ sind. Sie haben Gott zum Hauptinhalt ihres Lebens gemacht –

und damit gerade keinen dogmatischen Lebensstil aufgebaut, der ihnen die Gegenwart Gottes sichert! (so das [Selbstverständnis] der Beuroner Benediktinerkongregation.) „Gott hält Ausschau nach Menschen, die ihn suchen“ heißt es im Psalm 14, 2. Gott klopft an die Tür unseres Herzens (Offb. 3, 20) und freut sich, wenn wir (von innen!) öffnen, damit er Mahl halten kann mit uns. Er bricht nicht ein, er drängt sich nicht auf, er wartet geduldig, bis wir soweit sind, denn er hat keinen Schlüssel, und die Tür hat außen gar keinen Türdrücker.

Nun hat nicht jede/r die Berufung, ins Kloster zu gehen. Um dennoch mit Jesus als Wegbegleiter durchs Leben gehen zu können, hat der Heilige Geist die Freikirchen zugelassen. Zumindest für diejenigen Orte, wo die großen Konfessionen gerade dabei sind, sich selbst abzuschaffen, weil sie sich mehr um ihren strukturellen Selbsterhalt kümmern als um die Zukunft des Glaubens.

Torsten ist also in bester Gesellschaft. Für mich ist diese Glaubens- und Lebensweisheit sehr tröstlich, muss ich mich doch nicht in Selbstmitleid zerfleischen oder mit ängstlicher Erbsenzählerei einem gesetzlichen Gottesbild huldigen, das ich sowieso nie erreichen werde. Insofern kann ich dem Wort von Dorothee Sölle über „atheistisch an Gott zu glauben“ viel abgewinnen. Torsten hat seinen Glauben gar nicht verloren, sondern die Schablone, in die er (wir, Gemeinde, Kirche, Lehramt) Gott immer wieder hineinzupressen versuchen. Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit (2. Kor. 3, 17)!

Bekehrung, dieses „pastorale Unwort“ in den großen Konfessionen (PP. Franziskus benutzt „conversión“ ganz unbefangen und oft), bedeutet für mich, Jesus einzuladen in mein Leben und ihm die Tür zu öffnen. „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh. 14, 9). Mit ihm kann ich dann auch in die Rumpelkammern gehen, sie in Augenschein nehmen, mit ihm ausräumen und renovieren. Wieviel Angst habe ich denn vor dem Verlust von Haltungen, die doch nur altes Gerümpel sind? Will Gott etwa keine Win-Situation für mich? Das beinhaltet echte Erneuerung, die auch Kehrtwende sein kann, wenn ich mich in Sackgassen hineinmanövriert habe. Torstens Weg erinnert mich an die chassidische Erzählung von den beiden Eremiten, die sich auf die Suche nach Gott machen, die ganze Welt bereisen und nach langer Zeit voller Spannung ihr leuchtendes Ziel erreichen, durch die Tür eintreten und – sich in ihrer Behausung wiederfinden, von der aus sie ihren Weg angetreten hatten. Nicht ich bekehre mich, sondern ich lasse mich bekehren. Gott sucht mich, wirbt um mich, kämpft um mich und für mich, immer und immer wieder. „Ich bin Der-für-Euch-Dasein-Werdende“ soll Martin Buber den Gottesnamen JHWH übersetzt haben, für dessen Grammatik es keine treffende deutsche Form gibt, eine Art in der Zukunft vollendetes „Futur drei“. Ihm darf ich mich einfach anvertrauen. Das „Obdach für meine Seele“ (Paul Zulehner) ist mein Leib. Den „Tempel des Heiligen Geistes“ (1. Kor. 6, 19, [Monatsspruch Mai 2016]) muss ich nicht umständlich irgendwo suchen, soviel habe ich durch den [Daniel-Plan] gelernt.

Das Ende meines eigenen Volunteer-Jahres wurde durch den Satz „und jetzt geh!“ (2. Mos./Ex. 3, 10) markiert, der mich gar nicht in meiner freikirchlichen Gemeinde getroffen hat, sondern beim [Startup-Tag des Bistums Osnabrück]. (Der Geist weht, wo er will, Joh. 3, 8.) Ich darf es riskieren, denn auch für die Wahl meiner nächsten Schritte gilt 2. Mos./Ex. 3, 5: „Wo Du stehst, ist heiliger Boden!“. Torsten, da wo Ihr engagiert seid, die [Blue-Boks Berlin], ist „heiliger Boden“, begegnen die Kinder und Jugendlichen dem lebendigen Gott, weil Ihr so lebt, dass einige Euch fragen können, warum Ihr sie wertschätzt! „In der Kirche der Zukunft geht es nicht um die Proklamation von Dogmen, sondern um Inkarnation der Liebe und Kraft Gottes in die Gesellschaft hinein“, sagt sinngemäß Ekkehart Vetter, Präses des Mülheimer Verbands freikirchlich evangelischer Gemeinden. Wow, das klingt schon ziemlich katholisch, denn  PP. Franziskus sagt in „Evangelii Gaudium“ Nr. 180 u.a. so etwas auch.

Buch: Freischwimmer, [siehe Literaturliste].
Es hat mich so berührt, weil ich Vieles bei mir selbst wiedererkannt habe. Die Suche nach meiner Berufung für die Zeit nach meinem Beruf läuft auf einen Entschluss hinaus, den ich bald treffen darf. Mit der Wahl eines Weges nehme ich eine Weichenstellung vor, die andere Alternativen ausschließt. Momentan darf ich vorweg und völlig ungeplant Leute kennenlernen, die eine ähnliche Vision umtreibt wie mich. Ich wurde durch ein helfendes Gebet eingeladen, noch eine Zeit des aufmerksamen Hörens und sensiblen Zuhörens einzulegen. Wenn wir uns auf den Weg machen, werden wir ein Team sein. Berufung ist dynamisch und prozessorientiert, wie der Glaube selbst. Wir schauen nach vorne. Das wird auch nach der Entscheidung so sein. Danke, Jesus!

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