Der Vorhang im Tempel hat zwei Beulen…

Was hat es damit auf sich? Die Pfingstpredigt in meiner Gemeinde setzt den [Tag des Heiligen Geistes] für mich fort:

Wenn man die Maße des Jerusalemer Tempels umrechnet, dann passt die Bundeslade mit ihren zwei Tragestangen nicht ins „Allerheiligste“. Dies war der Ort der Gegenwart Gottes, denn die Bundeslade enthielt die Steintafeln mit den zehn Weisungen Gottes an sein Volk. Nur der Hohepriester durfte diesen Raum betreten, und nur einmal im Jahr zum [Versöhnungsfest]. Rechts und links von der Bundeslade standen zwei große Engelsfiguren (Cherubim). Die Tragestangen der Bundeslade durften nach 2. Mos./Ex. 25, 15  nicht herausgezogen und beiseite gelegt werden. Daher ist es denkbar, dass die Bundeslade aufgrund der Enge nicht quer, sondern senkrecht zur Sichthorizontale gestanden hat. Das Allerheiligste war mit einem Vorhang abgetrennt. Die Tragestangen müssen ihn, wenn die Maße stimmen, nach vorne ausgebeult haben.

Die Tragestangen waren also immer dran. Gott wollte mit seiner Gegenwart jederzeit wieder aufbruchsbereit sein! Das war permanent sichtbar, denn Gottes Gegenwart ragte ein wenig aus dem Allerheiligsten heraus, wenn auch verhüllt. Der Tempelvorhang zerriss gemäß den Passionserzählungen der synoptischen Evangelien  während des Todes Jesu am Kreuz (Mt. 27, 50; Mk. 15, 38; Lk. 23, 45b). Der Hebräerbrief deutet dies an mehreren Stellen als den von Jesus frei gemachten Zugang zur Gegenwart Gottes (6, 19; 9, 3; 10, 20).

Gott geht mit seiner Gegenwart raus aus dem Allerheiligsten, raus aus dem Tempel. Das passiert am Pfingstfest in Jerusalem. Er setzt sich in Gestalt von Feuerzungen auf seine Jünger und Jüngerinnen, die Apostel, Maria, und die übrigen im Obergemach. Und die hält es nicht mehr, auch sie müssen raus, und Petrus hält seine erste öffentliche Predigt. Fortan ist die Gegenwart Gottes nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern ereignet sich in den Christen, die ihn bezeugen und von ihm erzählen. Der Tempel des Heiligen Geistes – er steht nicht mehr in Jerusalem, sondern der sind wir (1. Kor. 6, 19). Wir müssen die Gegenwart Gottes nicht mühsam suchen. Sie ereignet sich dort, wo wir uns gerade befinden. Heute, am 15. Mai 2016, hier und jetzt!

„Unsere geistliche Versorgung, das Stillen unseres Durstes, läuft nicht mehr primär von außen, sondern von Innen. (Johannes Euhus) Joh. 7, 38f: Wer an mich  glaubt, …aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ Die Quelle geistlichen Lebens ist schon in uns – selbst wenn sie verschüttet ist. Das lässt sich ändern! Gott kommt zu uns, persönlich, mit seinem Geist. Er ist gegenwärtig, wenn wir uns versammeln im Namen Jesu, wenn wir sein Wort hören oder lesen, wenn wir ihn in Zeichen feiern, und noch auf vielfältige andere Weise. Er ist nicht im Himmel der Astronauten, sondern hat hier auf der Erde zu tun.

Wenn die Gegenwart Gottes in uns Wohnung genommen hat, dann wirkt sich das nach außen aus. Ich bin für Menschen, die Gott nicht kennen, quasi wie ein Vorhang. Der beult sich nach außen aus, weil Gottes Gegenwart in mir gerade im Aufbruch begriffen ist. Rechne ich in meinem Alltag von montags bis sonntags damit, dass der Funke überspringt? Dass Ströme lebendigen Wassers von meinem Leib ausgehen können?

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Heilige Orte nach Pfingsten: Nirgendwo eine Kirche, Glocken, Orgel, sondern Menschen…

Wenn ich im Gespräch mit Menschen bin, auf der Arbeit, in der Schule, im Bus, beim Einkaufen, im Fitness-Studio, in der Nachbarschaft, dann sollte ich bereit sein, die Gegenwart Gottes rauszulassen. Gott will raus zu den Menschen, die vor Lebensdurst umkommen, die an der Einsamkeit verzweifeln, die angesichts der Geistlosigkeit in unserer Gesellschaft nach Alternativen suchen. Bin ich aufmerksam, wachsam für den Kairos, den rechten Moment, zu dem Jesus konkret jemandem begegnen möchte? Durch mich?

Ich könnte z.B. Flyer für den nächsten Alphakurs mitnehmen und fragen, ob ich sie auslegen darf. Oder beim [Mobi-Treff] mitmachen, der dieses Jahr wieder in unsere Stadt kommt. Das geht auch mit einem Kurzbesuch. Einfach bei einem Kaffee mit Menschen ins Gespräch kommen und einen „Blick hinter den Vorhang“ ermöglichen. Manchmal gibt der Geist auch verbale „Steilvorlagen“, Mehrdeutigkeiten im Smalltalk, die plötzlich einen Anlass bieten, nicht länger zu „Schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg. 4, 20).

Komm Heiliger Geist, und brich mit deiner Kraft hervor aus meinem Innern. Lass mich brennen für dich, und lass einen Funken deiner Liebe auf die Menschen überspringen, die sich nach deiner Wärme sehnen. Strahle Licht in diese Welt. Schenke Gelassenheit in der Unrast dieser Zeit. Spende Trost in Leid und Tod. Schenke mir alle Gaben, Charismen, die ich brauche, damit die Menschen dich erkennen und dass sie in dir geborgen sein dürfen.

Überfordert? Das muss nicht sein! Auch ich selbst darf das Geschenk des Trostes annehmen. Der Pfingstmontag ging zu Ende mit einem kleinen Konzert [„zum Atem holen“] des Osnabrücker Jugendchores im Dom, mitten im „Maiwochen-Stress“ unserer Stadt. Es war gar nicht groß beworben worden, und dennoch war der Dom fast voll. Höhepunkt war die Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ von Joh. Seb. Bach über Röm. 8, 26-27 mit seiner fast unendlich anmutenden Modulation durch alle Tonarten bei der Stelle „der Geist selbst vertritt uns aufs Beste mit unaussprechlichem Seufzen“. Wenn der Geist in mir betet, muss ich dafür gar keine wohlgesetzten Worte mehr suchen…

Hier eine schon ältere Amateuraufnahme. Der Chor hat heute nichts von seinem Schwung und seiner Begeisterung verloren:

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